Liebe Frau Rella und auch alle anderen Eltern,

ich kann euren Ärger und eure Verzweiflung verstehen, da ich nicht nur Heilerziehungspflegerin in einer Kita, sondern auch Mutter bin.

Aber gerade, weil ich Mutter bin, befürworte ich den Streik, denn in Hamburger Kitas kann man heutzutage nicht mehr von Betreuungsqualität sprechen.


Meine Tochter geht zu einer Tagesmutter. Und das nicht wegen der geringeren Kosten, sondern weil in einer Kita, aufgrund des hohen Personalmangels keine gute Arbeit mehr geleistet werden kann.
Diese reine Kinderaufbewahrung möchte ich ihr zumindest in den ersten drei Lebensjahren ersparen.

Es ist aber nicht nur dieser Grund. Auch mein Privatleben leidet häufig unter meinem Beruf, denn ich bin abends nach meinem Job oft so fertig, dass ich keine Geräusche mehr ertragen kann, oder mich sofort hinlegen möchte, weil mein Kopf vor lauter Schmerz explodiert. Trotzdem muss ich mich auch um meine kleine Familie kümmern, die auch noch etwas von mir haben möchte.

Ich sitze auch nicht abends, wenn meine Tochter schläft vor dem Fernseher und entspanne, denn da ich tagsüber während meiner Arbeitszeit keine Möglichkeit habe, den nächsten Kita-Tag vorzubereiten, mache ich das dann eben auch noch schnell zu Hause.

Da meine Kita in einem sozialen Brennpunkt und direkt neben einem Flüchtlingswohnheim liegt und wir nebenbei auch noch den Integrationsstempel haben, verdiene ich zum Glück etwas mehr als Kollegen in anderen Gegenden und Kollegen, die keine Integrationsarbeit leisten müssen. Trotzdem habe ich aus finanziellen Gründen in den letzten sechs Jahren keinen richtigen Urlaub machen können. Auch einfach mal schön essen gehen ist nicht drin. Oder mal in den Freizeitpark gehen wäre auch schön, ist aber nicht im Budget.

Seit Jahren steigen die Lebenshaltungskosten und die Mieten. Leider steigen die Erziehergehälter nicht so schnell an, um das auszugleichen.

Der Job des Erziehers (und nicht nur der) ist so unattraktiv, dass kaum neue Fachkräfte nachkommen. In meiner Kita ist seit Anfang diesen Jahres eine Stelle ausgeschrieben, auf die sich einfach niemand bewirbt. Kommt doch mal jemand zum Bewerbungsgespräch, geht derjenige schnell rückwärts wieder hinaus.
Das führt zu Situationen, die nicht mehr tragbar sind. Ich bin alleine für 19 Kinder verantwortlich. Unter diesen 19 Kindern sind drei Integrations-Kinder mit Behinderungen bzw. Lernschwierigkeiten und mittlerweile fünf Flüchtlingskinder, die kaum bis gar kein deutsch sprechen. Zurzeit haben wir außerdem noch zwei offene Fälle von Kindeswohlgefährdung, die gerade bearbeitet werden.
Und trotzdem stehen noch drei Krippenkinder in den Startlöchern, die demnächst in den Elementarbereich wechseln sollen.

Nebenbei soll ich auch noch einen Bildungsauftrag erfüllen, Dokumentationen und Beobachtungen schreiben und Elternarbeit machen.
Ich habe zwar einen BFDler zur Unterstützung an meiner Seite, dieser darf aber weder Verantwortung übernehmen, noch Kinder alleine betreuen.

Frau Rella spricht in ihrem Brief an, dass der Streik hauptsächlich den Eltern und den Kindern weh tut. Aber auch, wenn mir die Beziehung zu den Eltern und zu den mir anvertrauten Kindern wichtig ist, muss ich eine klare Linie ziehen und mich privat abgrenzen. Denn jedem gerecht zu werden ist einfach nicht möglich. Und welche Möglichkeit als zu streiken gibt es denn für uns Erzieher?

Auch die Finanzierung des höheren Erziehergehaltes ist so eine Sache.
Anstatt das Betreuungsgeld wieder abzuschaffen und in die Kitas zu stecken, wird dieser Posten wahrscheinlich auf die Eltern umgelegt.
Hier in Hamburg bekommt jedes Kind fünf Stunden Kita-Betreuung von der Stadt Hamburg geschenkt und trotzdem wird sich laufend über die Kosten beschwert. Doch leider hat Qualität nun mal ihren Preis…

Liebe Eltern, ich kann euren Frust verstehen. Ich hoffe aber, dass ihr auch unseren versteht…

5 comments on “Mein Statement zum offenen Brief an die Erzieherin von Frau Rella”

  1. Du hast das toll geschrieben,gebe Dir auch in allen Punkten recht. Es muss sich was ändern und das schnell. Ich hatte meine heut mit auf Arbeit,ich hab eine 35-40 Stundenwoche und geh Treppenhäuser putzen um unser Leben zu finanzieren. Gatte geht auch arbeiten,aber bekam kein Frei,ich hätte heut Urlaub gehabt,aber Personalmangel,also bin ich auf Arbeit,Chef rief an,Urlaubsschein zerrissen,3 Stunden war ich bekomm tue ich 6. Sowas geht auch nicht immer. Ich hab bis jetzt jeden Streik befürwortet,aber irgendwann ist mal zick,Oma deckt Montag und Dienstag ab,so viel Urlaub hat niemand. Wir haben 5 Kinder,der letzte Urlaub 2007(!),wir riskieren für die Kitastreiks unseren Job und ich bin froh einen zu haben,weil mit 5Kindern ist es nicht einfach. Ich will keine Sozialleistungen. Hoffen wir das das endlich ein Ende hat. Bei uns Dauersituation 3 Kitaerziehrin auf 75 Kinder! Krippe wo der jüngste ist sieht es auch nicht viel besser auch. Bei uns allein 6(!) schwangere seid letzten Sommer,noch kein Ersatz. Leitung war 1 Jahr nicht besetzt. Diagnose Born out! Sagt uns was wir als Eltern tun können ausser diese Streiks hinzunehmen! Selbst an unsere Rathausstelle schrieb ich zahlreiche EMails. Bitte versteht auch uns.

    • Hallo Mamamal5,
      um so wichtiger ist es, dass schnell eine Entscheidung getroffen wird…
      Hier gibt es zum Beispiel eine Petition, die man unterschreiben kann.
      Hier ist die Facebook-Seite von Support your Kita.
      Und hier ist die Seite der Bundeselternvertretung

      LG und Danke für den Kommentar
      Daniela

  2. Liebe Daniela,

    Ich glaube, wir alle sind uns einig darin, dass die Aufgabe von Erzieherinnen und Erziehern eine immens wichtige, ultraanspruchsvolle und zu schlecht bezahlte ist.

    Darum geht es gar nicht.

    Es geht um den Punkt, den Du ja auch ansprichst: Welche Möglichkeitren habt Ihr denn? Die Petition, die ich gleich sofort mitzeichne, ist sicher eine wesentlich sinnvollere, vielversprechendere und zielgenauere Methode. Danke für die Links! Der Streik jedenfalls ist kein Druckmittel. Er trifft den Arbeitgeber, die Stadt, am allerwenigsten, im Gegenteil, sie profitiert noch davon, wie Frau Rella richtig schreibt. Denn während des Streiks muss er Euch nicht bezahlen. Nein, der Deutsche Beamtenbund bezahlt Euch aus der Streikkasse. Der vermeintliche Verhandlungspartner profitiert, warum sollte es ihn animieren, Euch entgegenzukommen? Das ist das eigentliche Problem. Der Streik hat für viele Eltern unfassbar hohe Kosten (nicht einfach finanzielle, die auch, aber nicht nur. Eltern, die dann auf einmal wochenlang da stehen. Die, wie ich, keine Eltern, keine einsetzbaren Freunde oder ein sonstiges Netz haben, das sie auffangen könnte). Der Mega-Streik, wie er sich im Land von Frau Rella darstellt, hat furchtbar hohe Kosten, aber im Grunde keinen Nutzen. Und das empfinde ich auch als unverhältnismäßig, um nicht zu sagen rücksichtslos.

    Wenn die Bahn 5 Tage streikt, ist Holland in Not. Oh, da kommen ja alle zu spät zur Arbeit! Aber wenn das Kitapersonal streikt, kommt man überhaupt nicht zur Arbeit. Wochenlang.

    Ganz ehrlich, ich bin saufroh, dass wir uns (nicht aus dem Streikgrund) für eine Elterninitiative entschieden haben. Denn ich wüsste definitiv nicht, was ich tun sollte im Streikfall. Außer zu hoffen, dass mich ein netter Psychiater mal so mir nichts, dir nichts 6 Wochen krankschreibt.

    Liebe Grüße
    Mo

    • Hallo Mo,
      danke für deinen Kommentar. Ich kann den Ärger verstehen, daher bin ich auch immer im Notdienst, wenn die Kollegen streiken gehen, weil es eben Eltern gibt, die dadurch echt schlimme Probleme bekommen.
      Von meiner Tagesmutter habe ich erfahren, dass ihre Kita seit heute für die nächsten 2 Wochen geschlossen ist. So eine lange Zeit halte ich auch für zu extrem…
      Ich denke, es bleibt einfach zu hoffen, dass es schnell eine Lösung gibt.
      Übrigens werde ich nicht aus der Streikkasse bezahlt, da ich nicht in einer Gewerkschaft bin. Ich bekomme für den Tag also gar nichts…

      Liebe Grüße
      Daniela

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