Der Superheld hat vor einigen Wochen zufällig seinen alten Schulfreund getroffen. Wir haben seit seiner Hochzeit im Jahr 2012 nichts mehr von ihm gehört und haben uns dementsprechend gefreut, als wir erfahren haben, dass er in der Zwischenzeit auch Papa geworden ist.
Sein Sohn ist fast genau drei Monate älter, als unsere Maus.
Daraufhin haben sich der Superheld und der Freund (nennen wir ihn der Einfachheit halber Jan)einige Tage später zum Essen verabredet.
Natürlich haben sich die beiden fast ausschließlich über die Kinder unterhalten.

Der Superheld kam schon gegen 23 Uhr wieder und war sichtlich enttäuscht von dem Abend. Er erzählte mir, wie überrascht bzw. eher schockiert er war. Wie sich sein früherer bester Freund verändert hat und wie sehr sich sein eigener Umgang mit der Maus zu Jans Umgang mit seinem Sohn unterscheidet.
Jan hat recht wenig Bezug zu seinem Sohn. „Er hat halt viel geschrien, als er klein war.“, daher hat sich fast ausschließlich die Mama um den Kleinen gekümmert.
Jan kennt weder den Ort, noch den Namen der Kita, in die der Kleine geht. Und der größte „Skandal“, laut Jan ist, dass der Kleine mit 6 Monaten noch nicht durchgeschlafen hat…
Und weil das so furchtbar war und Jan und seine Frau so oft müde waren, haben sie sich entschieden ein Schlaflernprogramm anzuwenden.

Weil ich auch darüber erschrocken bin, dass es noch so viele Menschen gibt, die solche Programme anwenden, möchte ich heute etwas über dieses Thema schreiben.

Schlaflernprogramme beruhen meist auf die Methode von Dr. Richard Ferber, der Mitte der 80er Jahre ein Schlafprogramm entwickelte, mit dem Kinder das Ein- und Durchschlafen lernen sollten.
Dabei soll das Baby nach dem Abendritual wach ins Bettchen gelegt werden. Ohne weitere Erklärungen soll man dann das Zimmer verlassen.
Auf das Schreien des Babys soll man dann erst nach 3 Minuten reagieren. Um das Baby zu beruhigen soll man nach anfangs 3 Minuten in das Zimmer gehen und ruhig mit dem Baby sprechen. Berührungen sind erlaubt, das Kind aus dem Bett nehmen dagegen nicht. Die ganze Prozedur wiederholt man immer wieder, verlängert aber die Abstände bis man ins Zimmer geht schrittweise, bis zu 30 Minuten.

Ferber spricht von Ein- und Durchschlafstörungen. Dabei wird suggeriert, dass diese von den Eltern erzeugt wurden, weil sie ihr Kind verwöhnt haben.

Das Schlaflernprogramm, nachdem Jan und seine Frau vorgegangen sind, ist die Freiburger-Sanduhr-Methode. Eine Modifikation der Ferber-Methode. Die Zeiten, in denen man das Baby schreien lässt, werden mit einer 3-Minuten Sanduhr gemessen.
Kurz gesagt: 3 Minuten schreien lassen, 3 Minuten beruhigen… Auch hier wird die Wartezeit bis man ins Kinderzimmer geht nach und nach bis zu 9 Minuten erhöht. Die Beruhigungszeit bleibt bei 3 Minuten, wobei man das Kind auch hier nicht aus dem Bett nehmen soll. Schreit sich das Kind in Rage, soll man vor Ablauf der 3 Minuten aus dem Zimmer gehen.

Hört sich irgendwie humaner an, ist es aber in Wahrheit nicht, denn dem Baby ist es egal, ob ich 1 Minute, 3 oder 30 Minuten weg bin oder, wie lange ich im Raum bin, um es zu beruhigen. Es hat weder Zeitgefühl, noch Objektpermanenz.
Objektpermanenz ist das Wissen, dass etwas, in diesem Fall die Eltern, auch existieren, wenn sie nicht gerade in Sichtweite sind. Im Alter von 8 Monaten entwickelt sie sich und im Alter von 12 Monaten ist sie ausgebildet.

Da das Baby, das noch keine Objektpermanenz hat, denkt, dass seine Eltern nicht mehr existieren, hat es Todesangst. Ein Verhalten, das die Natur so vorgesehen hat, denn in der Steinzeit haben nur Babys überlebt, die permanent bei ihren Eltern waren.

Während das Kind schreit, ist es in höchster Not und extrem gestresst. Dabei schüttet es das Stresshormon Cortisol aus. Mittlerweile weiß man, dass Cortisol das Gehirn schädigt. Susanne von geborgen wachsen erklärt hier sehr schön, was dabei genau im Körper des Babys passiert.

Aber nicht nur das Baby ist gestresst. Auch wir Mütter haben noch Instinkte aus der Steinzeit. Wir sind darauf programmiert sofort auf das Schreien zu reagieren. Kann eine Mama dies nicht tun, empfindet sie ebenfalls extremen Stress.
Wir handeln mit einem Schlaflernprogramm also ständig gegen unsere Urinstinkte.

Ein Baby ist auch selten so abgrundtief böse, dass es schreit, nur um seine Eltern zu ärgern. Es schreit, weil es eben noch keine andere Form der Kommunikation gelernt hat.
Es sagt uns mit seinem Schrei, dass es etwas braucht und wie es sich fühlt. Wenn ihm aber keiner zuhört, lernt es nicht einzuschlafen, sondern, dass ihm niemand zuhört und dass es sich auf seine Bezugspersonen nicht verlassen kann. Sein Urvertrauen wird dabei zerstört.

Laut des Psychoanalytikers Erik H. Erikson, kann ein gestörtes Urvertrauen zur Etablierung eines Ur-Misstrauen kommen. Das kann unter anderem zu Zurückgezogenheit und Depressionen führen. Außerdem sind Menschen, die sich als Baby in den Schlaf schreien mussten, meist stressanfälliger.

Außerdem müssen wir Mütter in der Regel erst lernen die Signale unserer Babys zu verstehen, was schwierig wird, wenn keine richtige Kommunikation zwischen Mutter und Kind entsteht. Mamas, die ihre Kinder schreien lassen, haben eher Schwierigkeiten ein richtiges Bauchgefühl im Umgang mit ihren Kindern zu entwickeln.

Jean Liedloff versucht in ihrem Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ zu beschreiben, wie sich ein Baby fühlt, das nachts alleine aufwacht und schreit, bis es vor Erschöpfung eingeschlafen ist. Ich denke, sie hat dies sehr treffend geschrieben.

„Er wacht auf in dem sinnlosen Schrecken der Stille, der Bewegungslosigkeit. Er schreit. Sein kleiner Körper brennt von Kopf bis Fuß vor Bedürfnis, Verlangen, unaufschiebbarer Ungeduld. Er schnappt nach Luft und schreit, bis sein Kopf nur noch ein einziges Pochen ist. Er schreit, bis seine Brust schmerzt, bis sein Hals wund ist. Er kann den Schmerz nicht mehr ertragen und sein Schluchzen lässt nach und klingt ab. Er lauscht. Er öffnet und schließt seine Fäustchen. Er rollt seinen Kopf hin und her. Nichts hilft. Es ist unerträglich. Er beginnt wieder zu weinen, doch es ist zu viel für seinen überanstrengten Hals; bald hört er auf. Er rudert mit den Ärmchen, und tritt mit seinen Beinchen. Er hört auf, leidend, unfähig zu denken. Er lauscht. Dann schläft er wieder ein.“

Das waren jetzt hoffentlich genug Argumente gegen diese Programme.
Es hört sich leichter an als es ist, aber der einzig richtige Weg ist es, Geduld zu haben. Früher oder später lernen alle Babys durchzuschlafen. Die Maus hat es auch erst, wie die meisten Kinder, mit 14 Monaten gelernt und nicht mit 6 Monaten.
Die Kleinen können das Einschlafen so überhaupt nicht lernen, da ihnen das Verständnis dafür fehlt und um etwas zu lernen, muss ich zuerst verstehen, was mein Gegenüber von mir will.
Versucht immer daran zu denken, dass Babys noch immer kleine Steinzeitwesen sind und nicht wissen, dass wir mittlerweile in einer anderen Zeit leben und seitdem ein paar Tage vergangen sind.
Kein Steinzeitmensch hatte damals einen Kalender, der gesagt hat, dass das Kind jetzt 6 Monate alt ist und durchschlafen muss… Und so viele Jahre Evolution können gar nicht irren!!!

weitere Infos zum Thema:
ferbern
Mama, bitte tu mir das nicht an – ein Artikel auf mibaby.de

4 comments on “Alpträume…”

  1. Toller Beitrag! Mir wurde bei der Maus auch empfohlen, ich solle sie schreien lassen, weil es doch nicht normal ist, dass ein Kind „in dem Alter“ noch nicht durchschläft. Ich habe diese Methode auch abgelehnt, weil ich es nicht gekonnt hätte und es grausam finde. Mit rund zweieinhalb Jahren schlief die Maus dann von ganz alleine ein und oft auch durch und überhaupt. Die Schnecke dagegen schläft oft jetzt mit 4 Monaten schon durch. Jedes Kind tickt eben anders! Das Problem sind einfach die vielen Leute, die einem einreden, dass das nicht normal ist…

    • Am besten sind die Leute, die keine Kinder haben… Die wissens nämlich meistens am besten!
      Ich bin für mehr “Back to the Roots” und sage immer “In der Steinzeit hatte auch keiner einen Kalender. Wer hat denen denn gesagt, dass es jetzt Zeit ist durchzuschlafen, mit der Beikost anzufangen und, und, und…?”
      Und mittlerweile freue ich mich über jedes “Ich habs dir doch gesagt!”, das ich loswerden kann…

      Liebe Grüße
      Daniela

  2. Toller Post. Ich kann hier eigentlich noch gar nicht mitreden, denn ich bin momentan noch schwanger- doch graut mich jetzt schon vor den ganzen „guten“ Ratschlägen, was ein Kind angeblich mit welchen Alter unbedingt können MUSS.
    Oder vor den Horror-Vergleichen der Müttermafia „mein Kind ist x Monate alt und kann schon…“- „Meines ist y Monate und macht das schon seit….[wahrscheinlich der Zeit im Mutterleib].“.
    Das höre ich jetzt schon ständig in meinem Umfeld und ich erwäge ein späteres Eremitendasein ohne jegliche soziale Kontakte, um so etwas zu umgehen…;-)
    Ach, ich finde es im Endeffekt einfach nur schade, dass scheinbar nicht akzeptiert wird, dass auch Babys Individuen sind und es eben keinen Kalender gibt, wie su so schön schreibst. Und wenn ich über so ein Verhalten mom. nur den Kopf schüttle- wenn ich dann selbst in der Situation bin, werden mich solche Aussagen vermutlich irgendwann verunsichern- ist man beim ersten Kind doch logischerweise unerfahren!
    LG, Manati von http://manatiswelt.blogspot.de

    • Hallo Manati,
      die ganzen „guten“ Ratschläge fangen ja meist in der Schwangerschaft schon an. „Das darfst du nicht essen!“, Das sollst du nicht hochheben!“,“Geburt nur im Krankenhaus“ usw….
      Man muss sich eben ein dickes Fell wachsen lassen, sich häufig rechtfertigen oder einfach nur lächeln und winken…
      So lange du dein Kind nicht vernachlässigst, schreien lässt, ihm Schmerzen zufügst oder es schüttlest machst du nichts falsch.
      Höre auf dein Gefühl, dann gibts gar keinen Grund für Unsicherheiten.
      Ich wünsche dir alles Gute für die Geburt…

      LG
      Daniela

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.